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SERIE "Erfolg beginnt im Kopf" - Teil 2/3: Den inneren Schweinehund gibt es nicht

Er ist jedem ein Begriff, er wird regelmäßig bekämpft und scheint unfassbar mächtig zu sein. Er gilt als das Teufelchen auf unserer Schulter, wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen. Er ist der Sündenbock unserer lästigen Gewohnheiten und die Prokrastination in Person. Ladies and Gentlemen – der innere Schweinehund! Oder doch nicht...?

Wenn wir es zum wiederholten Mal nicht schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören, regelmäßig Sport zu treiben, uns die Tafel Schokolade oder die Pizza zu verkneifen oder die längst überfällige Steuererklärung zu machen – dann schieben wir die Schuld auf unseren inneren Schweinehund. Von ihm ist dann die Rede, wenn wir unserer Bequemlichkeit („das lohnt sich nicht“) oder unseren Ängsten („das schaffst du nicht“) erliegen. Er steht für unsere Trägheit und das Bedürfnis, alles zu lassen, wie es ist.

 

Das ist ärgerlich für all jene, die sich weiterentwickeln oder etwas Grundlegendes an ihrem Lebensstil ändern wollen. Nicht umsonst füllen Ratgeber zu diesem Phänomen ganze Abteilungen in Buchhandlungen, verdienen zahlreiche Business- und Persönlichkeits-Coaches sich eine goldene Nase mit Seminaren über das Thema und ist das Internet voll mit Tricks und Tipps zu Umgang mit diesem unbeliebten, aber allseits präsenten Tier.

 

Warum dann noch ein Text darüber...?

 

...weil ich sage, dass die Erfindung dieses Tier-Hybrides aus des Deutschen liebsten Haustiers und des Deutschen liebste Schnitzelvariante selbst das Problem ist. Die Idee des Schweinehunds als von außen auf uns einwirkenden Kraft macht Prokrastination[1] erst möglich und ist die Ursache von Frustration. Sie verhindert nämlich, dass wir selbst Verantwortung übernehmen.

 

Das Konstrukt vom inneren Schweinehund

Er vermeidet jede Anstrengung ohne direkte Belohnung. Zur Tankstelle um die Ecke zu gehen, um ein Päckchen Zigaretten zu kaufen, ist als Aufwand für den Schweinehund noch okay, weil man die Zigaretten direkt rauchen kann (Belohnung folgt zeitnahe auf die Anstrengung). Das ganze Jahr Sport zu treiben, nur um am Jahresende bessere Blutfettwerte zu haben, sieht er nicht ein. Da ist die Belohnung zu abstrakt und liegt zu weit in der Zukunft, um sich im Hier und Jetzt vom Sofa zu erheben.

 

Der innere Schweinehund mag keine Veränderungen und möchte gewohnte und altbewährte Verhaltensweisen beibehalten. Das ist der Grund weshalb wir immer wieder auf die gleiche Weise auf Stress, Freude, Vorgesetze und Partner reagieren - selbst wenn es uns nicht wirklich weiterhilft. Nehmen wir uns eine Veränderung vor, beispielsweise Süßigkeiten nicht mehr als Belohnung oder Stress-Linderung einzusetzen, hat der Schweinehund für jede Situation unschlagbare Argumente parat:

 

 

„Gönn Dir die Pralinen. Der Chef war heute furchtbar zu Dir. Das beruhigt die Nerven.“

 

„Gönn Dir die Pralinen. Der Chef hat Dich heute im Meeting gelobt. Du hast sie verdient.“

 

„Gönn Dir die Pralinen. Du darfst Dich auch mal ohne besonderen Grund verwöhnen!“

 

Egal, wie man es dreht und wendet, der innere Schweinehund hat jedes Mal recht. Zeigt man sich besonders stur in seinem Vorhaben und versucht, standhaft zu bleiben, hat er noch eine vernichtende Strategie in petto: Demotivation. Dann sagt er solche Sache wie: „Du brauchst gar nicht erst zu versuchen, von den Süßigkeiten los zu kommen, denn Du warst noch nie eine besonders standhafte Person. Das schaffst Du auf Dauer eh nicht, also gib direkt auf!“.

 

Spätestens hier wird klar, dass wir auf niemanden hören sollten, der sich wie unser schlimmster Feind benimmt...

 

Wahrer Schauplatz des Geschehens: unser Gehirn

Eigentlich wissen wir ganz genau, dass in unserem Kopf kein Vierbeiner mit Schweineschnauze sitzt und all unsere Wünsche sabotiert. In unserem Kopf befindet sich lediglich unser Gehirn, und das möchte uns in unserem Bestreben, ein zufriedenes Leben zu führen, ausnahmslos unterstützen. Betrachtet man die Argumentation des sogenannten Schweinehunds, dann steht in Wirklichkeit dahinter

                                             

-       unsere Angst vor Veränderung

-       unsere Angst vor dem Versagen

-       unser Bedürfnis nach schneller Belohnung

 

Die Kooperation mit unserem uns wohlgesinnten Gehirn hinsichtlich unserem Wunsch nach positiver Veränderung funktioniert in der Realität selten harmonisch, weil das Gehirn auf mehreren Eben arbeitet. Es gibt das rationale Denken, wo unser Wunsch formuliert wird („Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, geht es mir körperlich besser und ich spare Geld“) und unser Belohnungssystem („...aber mit Zigaretten fühle ich mich entspannter“) - und die beiden stehen sich bei allen Entscheidungen als Herausforderer gegenüber.

 

Die Kontrahenten

 

#1 David: unser rationales Denken

 

Das rationale Denken ist im Großhirn verankert. Hier sind wir uns bewusst, dass gesundes Essen und Bewegung gut sind und Zigaretten, Trauer und Alkohol auf Dauer schädlich. Also versuchen wir, „schlechte“ Angewohnheiten mit dem rationalen Teil unseres Gehirns, der Willenskraft, zu bekämpfen. Das Problem mit der Willenskraft ist, dass sie sich verhält wie ein Muskel – irgendwann ist sie erschöpft. Morgens stehen wir vielleicht noch hochmotiviert auf mit dem Vorhaben, den ganzen Tag nicht zu rauchen, nach der Arbeit zu trainieren oder selbst zu kochen. Über den Tag hinweg haben wir allerdings auf der Arbeit und in der Freizeit so viele Entscheidungen zu treffen, dass unsere Willenskraft bis zum Abend erschöpft ist und wir uns mit Zigarette vor den Fernseher hängen und Pizza bestellen. Die Willenskraft leidet tatsächlich unter einer Art Ermüdungserscheinung. Durch diesen Makel ist das rationale Denken nicht so mächtig wie sein Gegenüber, das Gefühlszentrum.

 

#2 Goliath: unser Gefühlsebene (Belohnungssystem und Angstzentrum)

 

Im Limbischen System im Mittelhirn sitzt die Machtzentrale unserer Emotionen. Rationale, vernünftige Eingaben wie "Ich sollte mal wieder etwas für meine Gesundheit tun" haben hier keine Chance. Denn das Gefühl fragt nicht nach Gewinn und Erfolg. Es sucht nach Bedürfnisbefriedigung jetzt und sofort. Hier entspringt unser Bedürfnis, auf eine Tat direkt eine Belohnung zu erhalten. Hier entsteht das Bedürfnis (Pralinen essen), welchem notfalls eine rationale Begründung hinterher geschoben wird ("Chef hat gelobt" / "Chef hat geschimpft" / "Ich bin es wert").

 

Der Marker für unser Belohnungssystem ist das Glückshormon Dopamin, das bei schönen Erlebnissen ausgeschüttet wird. Nach diesem Hormon sind wir gewissermaßen süchtig: wir wollen möglichst oft glücklich sein[1]. Sind wir unglücklich oder gelangweilt, schickt uns unser Gehirn aktiv auf die Suche nach Glückshormonen. Unser Belohnungssystem arbeitet dabei allerdings etwas veraltet und belohnt uns für Dinge, die uns als Steinzeitmenschen weitergeholfen haben: Überleben.

 

(Nur so am Rande: Das Verzehren schneller Energie gehört übrigens auch dazu, denn es hilft für das kurzfristige Überleben. Der Drang nach Süßem und Fettigem ist keine individuelle, menschliche Schwäche, sondern ein evolutionärer Reflex, der aus der Urzeit geblieben ist[2])

 

Hier sitzt auch das Angstzentrum, verantwortlich für die Bewertung und Wiedererkennung von Situationen und der Analyse möglicher Gefahren. Es meldet sich, wenn eine Veränderung ansteht. Und wenn diese so gravierend ist, dass lang erprobte, bewährte Verhaltensweisen auf dem Spiel stehen, die als sicher gelten, dann stellt es sich mit wachsender Angst gegen diese Veränderung. Unser bisheriges Verhalten hat uns ja immerhin bislang überleben lassen, also warum etwas riskieren?

 

Der Kampf

 

Das Problem ist: Die Meldungen vom Gefühlszentrum im Mittelhirn zum rationalen Großhirn sind um ein vielfaches schneller als andersherum. So lernt das Gehirn schneller auf Gefahren zu reagieren, noch bevor es zum rationalen Denken kommt. Die Stressmeldungen vom Gefühlszentrum zum Großhirn gleichen einer 6-spurigen Autobahn, der Weg vom rationellem Denken zurück ist hingegen mit einem einfachen Feldweg vergleichbar. 

 

Deshalb können Angst und Belohnungssucht unsere rationalen Vorhaben auch so schnell zunichtemachen. Wir alle kennen die große Diskrepanz zwischen gefühlter Belohnung, wenn wir auf das Belohnungssystem hören (Pralinen essen) und der tatsächlichen Wirkung auf uns (unerwünschte Gewichtszunahme, schlechte Gesundheit). Wir futtern die Pralinen und bereuen es noch lange danach, weil unser Verhalten unsere langfristigen Pläne über den Haufen wirft.

 

Die Siegestrategie

Wie bei David und Goliath kann der schwächere Teil, die Rationalität, über den Riesen namens Belohnungssystem triumphieren – wenn strategisch vorgegangen wird.

 

Grundsätzlich ist das Belohnungssystem eine gute Sache, da wir ohne es außerstande wären, irgendetwas zu genießen. Auch das Angstzentrum ist wichtig, weil es uns vor Dummheiten bewahren will. Wir sollten das Belohnungssystem daher nicht als Hindernis betrachten, sondern wie einen guten Kumpel, der es gut mit uns meint, aber Alarm schlägt und uns zu Pizza und Kuchen verführt, wenn wir ihm nicht glücklich genug vorkommen. Und das Angstzentrum als übervorsichtigen Aufseher, der bei zu großen Veränderungen eingreif.

 

 

 

Maßnahme #1: Keine Angst aufkommen lassen

 

Unser evolutionär geprägtes Gehirn scheut Risiken. Haben wir mehr Angst als Zuversicht, versucht unser Gehirn uns zu schützen und uns von unserem Vorhaben abzubringen. Große Pläne sollten deshalb mit Vorsicht in Angriff genommen und in kleine, überschaubare Schritte untergliedert werden, damit die Angstregion im Gehirn nicht alarmiert wird. Für Viele ist es beispielsweise realistischer zu sagen „ich gehe ab jetzt zweimal wöchentlich zum Sport“ als „ich werde ab morgen täglich trainieren“.

 

Maßnahme #2: Aktiv Glücksgefühle verschaffen

 

Wir sollten uns rechtzeitig selbst um die Beschaffung von Glückshormonen kümmern, bevor unser Mittelhirn uns sanft dazu zwingt – bestenfalls mit Belohnungen, die dem eigenen Ziel nicht im Wege stehen. Wer abnehmen will, kann sich Massagen gönnen statt Schokolade. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, kann sich neue Kleidung, Bücher oder Konzertkarten in Aussicht stellen statt Zigaretten. Eine positive Erfahrung zu den neuen Verhaltensmustern muss her. Erst wenn neue Verhaltensweisen mit positiven Erfahrungen verknüpft werden, werden diese vom Gefühlszentrum akzeptiert und es schlägt künftig nicht mehr Alarm.

 

Maßnahme #3: Nicht auf Willensstärke setzen

 

Mit rationaler Willensstärke gegen das Emotionszentrum anzukommen ist – wie wir gesehen haben - aussichtslos. Neue Verhaltensweisen müssen zur Routine werden, denn gegen Gewohnheiten und Automatismen hat das Gehirn nichts auszusetzen. Gewohnheiten kennt es, die erscheinen ihm ungefährlich. Also gilt es, neue Verhaltensweisen zu wiederholen, bis es für das Gehirn "normal" geworden ist.

 

Die Erkenntnis

 

Das Konzept Schweinehund "bewahrt" uns davor, selbst Verantwortung übernehmen zu müssen. Er ist nützlich, wenn wir uns unseren Gefühlen nicht stellen wollen. „Ich konnte meinen Schweinehund nicht überwinden“ geht leichter über die Lippen als „Ich bin zu faul“ oder „Ich habe zu viel Angst vor...“. Deshalb ist der Schweinehund eine so beliebte Ausrede: er wird als externe Macht zum Schuldigen erklärt, gegen den man im Zweifel einfach nicht ankommt, obwohl man doch so gerne eigentlich unbedingt etwas verändern wollte.

 

Wer sich seinen wahren Ängsten und inneren Wünschen nicht stellt, wird keine dauerhaften Fortschritte erzielen. Es ist wichtig, nicht vom Schweinehund, sondern von sich selbst zu sprechen, wenn es um Probleme in der persönlichen Entwicklung geht.

 

Fazit

 

Es gibt keine externe Macht wie den inneren Schweinehund. Der Schweinehund steht für unser Emotionszentrum im Gehirn, in dem unser Bedürfnis nach kurzfristiger Belohnung, die Angst vor Veränderung und der Drang nach dem Erhalt altbewährter Systeme verankert sind. Der Kampf findet in Wahrheit in unserem Kopf statt – und zwar zwischen zwei unterschiedlich mächtigen Systemen.

 

Es gilt, Eigenverantwortung zu übernehmen und zu akzeptieren, dass wir das Bedürfnis haben, etwas zu verändern und gleichzeitig das Bedürfnis haben, alles beim Alten zu lassen. So lange die Schuld am Scheitern an den Schweinehund ausgelagert wird, kann man sich vor der eigenen Verantwortung drücken. Erst wenn die eigenen Emotionen und ihre Rolle in unseren Entscheidungsprozessen anerkannt werden, können wir erkennen, was uns wichtiger ist und verstehen, dass wir um unsere Ziele nicht kämpfen, sondern sie mit unseren kurzfristigen Bedürfnissen in Einklang bringen sollten, um etwas zu erreichen.

 

Nur wer seine Wünsche, Ängste und Bedürfnisse anerkennt und sich mit ihnen auseinandersetzt, kennt seine Prioritäten und kann wirkungsvolle Strategien entwickeln, um seine Ziele zu erreichen. Anstatt kurzfristige Bedürfnisse mit langfristigen Wünschen konkurrieren zu lassen, sollten alle mentalen Systeme in Einklang gebracht werden.

 

©Ayeshe Nawal Hercules I Personal Trainerin & Ernährungscoach Darmstadt

 


[1] Substantiv, feminin [die]: das Verschieben, Aufschieben von anstehenden Aufgaben, Tätigkeiten

[2] Peters, A (2016)6: Das egoistische Gehirn. Warum unser Kopf Diäten sabotiert und gegen den eigenen Körper kämpft.

[3]Dr. med. Reddy, M.& Dr. med. Zachenhofer, I. (2018): Kopfsache schlank. Wie wir über unser Gehirn unser Gewicht steuern, S. 111.

 


Bildquellen im Artikel "SERIE 'Erfolg beginnt im Kopf' - Teil 2/3: Den inneren Schweinehund gibt es nicht": ©Jakob Owens (Mann im Pool), Kiran Kichu (Hund),  Nathan Dumlao (Donut auf Teller), Andre Hunter (Mann hüpft auf Straße), ©Shutterstock: shutterstock_320994275