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Sind wir alle essgestört?

Die Beschäftigung mit der „richtigen“ Ernährung und den „gesündesten“ Lebensmitteln ist populär wie nie. Ernährung ist Lifestyle. Ernährung ist Identifikation. Dabei werden alle möglichen und unmöglichen Ernährungsregeln aufgestellt - nicht immer nach vernünftigen Kriterien.  Führt dieses Verhalten in eine Essstörung oder ist es sogar gefährlicher, sich gar keine Gedanken um seine Ernährung zu machen?

 

Im Jahr 2018 gibt es tausende Ernährungsstudien und monatlich neue Erkenntnisse, Wissen und Ratgeber im Überfluss. Es stellt sich also eher die Frage: bewusst essen oder intuitiv essen – womit fährt man besser? Wie viel Bewusstheit in der Ernährung ist noch normal? Soll man dem Bauchgefühl folgen oder den neuesten Ernährungsstudien?

Generell klingt eine sorgfältige Auswahl der Dinge, die man sich einverleibt, nach einer ganz vernünftigen Idee. Manche Menschen treiben ihre restriktive Auswahl allerdings auf die Spitze:

 

ob man als ketogen lebender Mensch seine Kohlehydrataufnahme auf maximal 30g pro Tag beschränkt oder in Vermeidung bestimmter Inhaltsstoffe jedes Produkt auf „Spuren von XYZ“ untersucht - die Nahrungsaufnahme erfolgt bei solchen Essern nicht mehr intuitiv, sondern streng kontrolliert.

 

Klar; dass Allergiker, Diabetiker und Menschen mit anderen Stoffwechselerkrankungen auf die penible Kontrolle ihrer Nahrungsmittel angewiesen sind. Aber ist für physisch gesunden Menschen eine so starke Selektion der Lebensmittel kritisch zu sehen?    

Eine neue Form der Essstörung?

Wenn die Nahrungsmittelauswahl in Besessenheit ausartet, wird von Orthorexie gesprochen. Orthorexia Nervosa (griech.: ‚ortho’ bedeutet richtig und ‚orexis’ Appetit) erinnert vom Namen her an Anorexie (Magersucht), ist aber keine anerkannte Krankheit. Bei orthorexischem Essverhalten steht im Gegensatz zur Magersucht oder Bulimie nicht die Quantität, sondern die Qualität des Essens im Vordergrund. Sogenannten Orthorektikern geht es nicht um die Menge, sondern um die Qualität der Nahrung. Sie streichen Schnitzel und Pommes nicht vom Speiseplan, um abzunehmen, sondern um einem Herzinfarkt vorzubeugen.

 

Orthorexie wird seit etwa 15 Jahren in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben, doch bislang gibt es kaum gesicherte Forschungsergebnisse dazu[1]. Bislang ist sie von der Schulmedizin weder in die internationale oder deutsche Krankheitsklassifikation aufgenommen worden. Daher gilt, etwas unpräzise formuliert, bislang als Orthorektiker, wer die üblichen Anzeichen einer Sucht erkennen lässt:

 

- zwanghafte und permanente Beschäftigung mit gesunder Ernährung

- die tägliche Zubereitung von Mahlzeiten mit sorgfältig gewählten Zutaten wird zur Hauptbeschäftigung und kaum noch anderen Hobbies / Aktivitäten zu

- durch die Panik vor „falscher“ Nährstoffeinnahme wird auswärts essen vermieden und es droht die soziale Isolation

 

Natürlich ist jetzt nicht jeder, der sich gerne und gründlich Gedanken um seine Ernährung macht, essgestört. Selbst Experten können oft schwer einschätzen, ob bei einem dogmatischen Esser die Gefahr einer Orthorexie besteht. Die Zahlen lassen darauf schließen, dass Orthorektiker eine Minderheit sind, allerdings markiert die Dauerbeschäftigung mit gesundem Essen tatsächlich bei einer beachtlichen Zahl von Menschen den Beginn einer schwierig verlaufenden und therapiebedürftigen Essstörung[2].

 

Ob bewusste Esser nun essgestört sind oder nicht; sie gelten gemeinhin zumindest als genussfeindlich – weil sie angeblich nicht auf ihren Appetit hören. Es stellt sich allerdings die Frage, ob Nachlässigkeit bei der Lebensmittelauswahl wirklich die bessere Option beziehungsweise das „gesündere Verhalten“ ist. Schaden sich bewusste Esser mehr als Personen, die sich keine Gedanken darübermachen, was sie zu sich nehmen und welche Folgen das haben kann?

Bauch oder Kopf?

Intuitives Essen bedeutet, nach „Bauchgefühl“ zu essen und dem Körper die Lebensmittel zu geben, nach denen er durch Appetitsignale augenscheinlich verlangt. Wer mit dem Kopf entscheidet, was auf den Teller kommt, muss unter Umständen Gelüste nach vermeintlich „ungesunden“ Lebensmitteln unterdrücken, wenn er entscheidet, dass das Körpergefühl wohl nicht stimmen kann bzw. der Körper nach den „falschen Dingen“ verlangt.

 

Natürlich tun wir gut daran, auf die Signale unseres Körpers zu hören und ihn mit Energie zu versorgen, wenn er es braucht und nicht, weil es im Ernährungsratgeber steht. Intuitives, gesundes Essverhalten ist, wenn unser Körper die richtigen Signale sendet (unverfälschte Hormonlage) und dass wir in der Lage sind, diese Signale entsprechend zu deuten (gesundes Körperbewusstein).

 

Zwingende Voraussetzung dafür ist ein ausbalancierter Hormonhaushalt und die Fähigkeit, die Signale (Hungersignal von Appetitsignalen und / oder Durstsignale) unterscheiden und entsprechend darauf reagieren zu können.    

Faktenlage

 

Wie steht es um den gesunden Appetit? Die offiziellen Zahlen bestätigen nicht einmal ein halbwegs bewusstes Essverhalten: in Deutschland trägt mittlerweile jeder zweite Erwachsene überschüssige Energie in Form von Fettmasse mit sich herum. Energie, die er gegessen, aber nie gebraucht hat. Der aktuelle Bundesbericht bestätigt, dass in Deutschland lediglich 1,5 Prozent der Menschen untergewichtig und 38,5 Prozent normalgewichtig sind. Das bedeutet, dass der Großteil, also 60 Prozent, übergewichtig ist[3].

 

Die Zahl Übergewichtiger nimmt allerdings nicht nur in Deutschland zu[4]: In der Gesamtbevölkerung hat sich die Verbreitung von Übergewicht und Fettleibigkeit nach WHO-Studien zwischen 1980 und 2014 mehr als verdoppelt[5].

 

Sind wir zu blöd geworden, uns zu ernähren?

 

Kann es sein, dass die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten plötzlich weltweit die Fähigkeit zur Selbstkontrolle verloren hat und sich im Übermaß gedankenlos Essen einverleibt?

 

Es ist ja nicht so, als wäre Übergewicht ungefährlich. Ein Zuviel an Fettmasse ist vielmehr ein ernsthaftes Problem. Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkte, Fettleber, gefährlich hohe Blutcholesterinwerte, Arteriosklerose und sogar Demenz sind nur einige, direkte Folgen von Übergewicht.

 

Wer mit 40 Jahren schon stark übergewichtig ist, verringert seine Lebenserwartung um sechs bis acht Jahre[6]. Die Forschungslage ist diesbezüglich ziemlich eindeutig: mit Übergewicht assoziierte Krankheiten können allein durch das Abbauen des Körperfetts verbessert oder geheilt werden[7].

 

Wie Untersuchungen zeigen, können die meisten Menschen tatsächlich ganz schwer beurteilen, welche Energiezufuhr sie wirklich brauchen bzw. wie hoch ihre Kalorienaufnahme sein sollte. Vor allem Übergewichtige neigen dazu, sich hinsichtlich ihrer Kalorienaufnahme stark nach unten zu verschätzen[8].

 

Studien bestätigen, dass Menschen allgemein einfach sehr schlecht darin sind, die Energiedichte ihrer Mahlzeiten zu schätzen. Das führt dazu, dass sie mehr essen, als sie brauchen und es trotz der hohen Menge an Essen schaffen, wichtige Nährstoffe, die für den Körper essenziell sind, völlig zu vernachlässigen. Das führt zu einer Kalorien-Überversorgung bei gleichzeitigem Nährstoffmangel.

Was läuft schief?

#1 Unsere Stoffwechselhormone

 

Ein gesunder Stoffwechsel regelt seine Energieaufnahme über Hunger- und Appetitsignale, die von den Stoffwechselhormonen bestimmt werden. Leptin und Insulin, die Sättigungshormone und Ghrelin und Glukagon, die Hunger- und Appetithormone.

 

Unsere Hunger- und Appetithormone unterliegen wiederum vielen andere Einflüssen. Sie hängen zusammen mit Hormonen, die unsere Stimmung regeln. Negativer Stress, unzureichender Schlaf, die Beschaffenheit unserer Gedanken, die Art und das Ausmaß körperlicher Aktivität, die Zusammensetzung der Mahlzeiten selbst und nicht zuletzt der Füllstand unserer Fettspeicher können Appetit, Hunger und Sättigung massiv in die eine oder andere Richtung beeinflussen.

 

Wer ausreichend schläft, überwiegend positive Gedanken hat, sich regelmäßig körperlich anstrengt und sich äußerst selten gestresst fühlt, hat eine gut Grundlage für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt. Wenn nun allerdings die Mahlzeiten hauptsächlich aus Junk-Food (stark verarbeitete Nahrungsmitteln ohne Vitalstoffe) bestehen, sind die Stoffwechselhormone trotzdem außer Rand und Band. Denn der Großteil der Nahrungsmittel wird von der Nahrungsmittelindustrie künstlich haltbarer und geschmacksintensiver gemacht. Sie werden gleichzeitig süßer, salziger und insgesamt aromatischer. Industrielle Zusatzstoffe wie Aromen, Geschmacksverstärker, Säuerungsmittel, Stabilisatoren, Emulgatoren verändern unseren Geschmackssinn.

 

Durch den künstlich verstärkten, intensivierte Geschmack werden natürliche Aromen kaum noch wahrgenommen und machen geschmacklich abhängig von industriell verarbeiteten Nahrungsmittel. Diese enthalten gleichzeitig durch das Konservieren und Verarbeiten immer weniger lebenswichtige, bioaktive Stoffe wie Vitamine, Enzyme und Aminosäuren (Vitalstoffe), die unser Körper dringend benötigt.

 

Wissenschaftler beschreiben eine eindeutige Tendenz zu immer ballaststoffärmeren, stärker konzentrierteren und vor-verarbeiteten Nahrung über die gesamte Geschichte der Menschheit[9], die im Fast-Food-Trend der letzten Jahrzehnte ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Erschreckenderweise essen immer mehr Menschen mehr industrielle Lebensmittel als unverarbeitete Lebensmittel: Deutsche essen durchschnittlich 11 Kilo Bananen und 16,6 Kilo Tomaten, allerdings über 18kg industrielle Lebensmittel pro Kopf und Jahr. 

 

#2 Unsere Umwelt

 

Essen war in der Evolution des Menschen stets mit Bewegung verbunden. Der Steinzeitmensch musste sammeln und jagen gehen um sich zu ernähren; der mittelalterliche Bauer ohne Maschinen den Acker bestellen, ernten und lagern. Der menschliche Organismus ist von Natur aus ausdauernd und zäh und für Zeiten des Mangels besser gerüstet als für den Überfluss. Unser Körper kann hervorragend Fasten, hat unterschiedliche Energiereservoirs, aus denen er schöpfen kann und ist darauf ausgerichtet, überflüssige Energie für schlechte Zeiten zu speichern.

 

Nun leben wir in einer Welt, in der Bewegung Mangel ist und Nahrung hingegen im Überfluss vorhanden.

 

Maschinen haben uns die körperliche Arbeit abgenommen, die Arbeitsteilung hat den Lebensmittelanbau an wenige Großlieferanten ausgelagert, der Supermarkt uns das Essen in Regalen bequem vorsortiert. Rolltreppen, Fahrstühle, Autos und Lieferdienste machen es heute überflüssig, sich überhaupt noch zu bewegen. Und Essen ist einfach überall, jederzeit und ständig verfügbar. Jederzeit verfügbares Essen ist absolut neu in der Menschheitsgeschichte.

Zusammengefasst lässt sich festhalten:

  • Die Umwelt ist für den menschlichen Organismus in eine Schieflage geraten: Nahrungsaufnahme und Bewegung sind heute nicht mehr zwingend miteinander verbunden
  • Wir essen heute nicht mehr, weil wir körperlich hart arbeiten und die Energie brauchen. Wir essen, weil das Essen einfach da ist (Verfügbarkeit). Und das in einem Ausmaß, das uns augenscheinlich nicht mehr guttut.
  • Die Qualität der Nahrungsmittel hat abgenommen. Der steigende Konsum von industriell verarbeiteter Nahrung führt bei vielen zu einem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen
  • Industrielle Nahrungsmittel verfälschen durch ihre ganzen Zusatzstoffe unsere Stoffwechsel-Hormone und die Sättigungssignale 

Besteht vor diesem Hintergrund vielleicht schlichtweg die Notwendigkeit, bewusster zu essen?

 

Fest steht: die Bedingungen für intuitive Nahrungsaufnahme sind nicht die besten. Die meisten Nahrungsmittel von heute sind nicht von bester Qualität und es gibt sie im Überfluss. Vielleicht markieren stark selektive Esser nur eine (ebenfalls extreme) Gegenbewegung zur modernen, pervertierten Nahrungsmittelsituation.

 

Wer auf die Idee kommt, dass industriell hergestellte Nahrung dick und krank macht, geht verständlicherweise auf die Suche nach Ausgrenzungskriterien. Angelesene oder selbst aufgestellte Ernährungsregeln sind eine zumindest nachvollziehbare Reaktion auf prall gefüllten Supermarktregale. Es wäre begrüßenswert, wenn diese Regeln vernünftigen und zumindest wissenschaftlich gesicherten Grundsätzen gesunder Ernährung entsprechen.    

Fazit

Das steigende Übergewicht in der Gesellschaft und die direkten Folgeerkrankungen, Allergien und Lebensmittelskandale sind Indizien dafür, dass es mit unserem Ernährungsverhalten nicht zum Besten gestellt ist. Immer mehr Menschen beginnen deshalb, für sich selbst Regeln aufzustellen, nach denen sie sich vermeintlich „gesünder“ ernähren. Manch einer mag das in einem bedenklichen Maße betreiben, doch so lange die Ernährung nicht zu Mangelerscheinungen führt und den Alltag vollkommen dominiert, kann bewusste Ernährung nicht eher als Essstörung gelten als der gedankenlose Verzehr industrieller Nahrungsmittel, die sich hinsichtlich Zusammensetzung und Nährwertgehalt zum Negativen verändert haben.

 

 

 ©Ayeshe Nawal Hercules I Personal Trainerin & Ernährungscoach Darmstadt

 


Quellen:

[1] Monks-Ärzte im Netz GmbH (07.09.2016): Orthorexie – Zwanghaft gesund essen müssen. URL:

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/news-archiv/meldungen/article/orthorexie-zwanghaft-gesund-essen-muessen/ (10.08.2018).

[2] ebd.

[3] Mensik, G.B.M. (2013): Übergewicht und Adipositas in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 56, 786 – 794.

[4] Vgl. World Obesity Federation. URL: https://www.worldobesity.org/data/ (01.08.2018).

[5] World Health Organization (WHO): http://www.who.int/en/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight (01.08.2018).

[6] Dr. med. Strunz, U. (2014)4: Das neue Forever Young. Einfach jung bleiben mit dem 4-Wochen-Programm. München.

[7] Dr. Hermann, N. (2017)13: Fettlogik überwinden, S. 93.

[8] Burton, S. (2006): Attacking the Obesity Epidemic: The Potential Health Benefits of Providing Nutrition Information in Restaurants. Journal of Public Health. 96 (9), 1669-1675.

[9] Mersch, P. (2014)5: Wie Übergewicht entsteht ... und wie man es wieder los wird, S. 11.


Bildquellen im Artikel "Sind wir alle essgestört": ©Unsplash: Jon Tyson (Leuchtschrift), Icons8Team (Frau mit Muffin), Dan Gold (Menschen mit Pizza), Radpixel (Süßigkeiten), Alles Vinicius (Frau am Supermarktregal), Demetrius Washington (Mann isst Pommer auf der Straße)