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SERIE "Das Detox-Paradox" TEIL 1/2: Fasten als Entgiftungsmaßnahme?

Winterende - die Zeit des Gesundheitsbewusstseins. Man möchte angesammelte Giftstoffe und überflüssige Pfunde loswerden, eine Art Frühjahrsputz im Körper durchführen. Entgiften wird dabei automatisch mit Fasten, Abnehmen und Verzicht gleichgesetzt. Warum mehr essen hilfreicher sein kann als hungern und was das Ganze mit Gewichtsverlust zu tun hat, klären wir in zwei Beiträgen.

„Detox“ – die Abkürzung des englischen Wortes „Detoxification“ - ist ein Sammelbegriff geworden für "entgiftende", "entschlackende" und "den Stoffwechsel anregende" Maßnahmen.

 

Am Populärsten sind Detox-Produkte und Fastenkuren. Apotheker- und Drogeriemarktregale quellen über von einem riesigen Angebot an kostspieligen Produkten. Oder doch lieber organisierte Fastenkuren auf hohem Niveau in exklusiven Hotels?

 

Natürlich ist Entgiften wichtig. Die aktive Entgiftung des Körpers war schon vor 2000 Jahren Bestandteil des indischen Ayurveda oder der traditionellen chinesischen Medizin.

 

Wenn es damals schon Sinn gemacht hat, den Körper gelegentlich beim Ausscheiden von Schadstoffen zu unterstützen, kann das in der Welt des modernen Stadtbewohners, der es mit Pestiziden, Farbstoffen, Weichmachern, Farbstoffen, Geschmacksverstärkern, Konservierungs- und Säuerungsmitteln zu tun hat, nicht so verkehrt sein. 

 

Ist Entgiften notwendig?

Bereits Paracelsus hat uns beigebracht, dass die Dosis das Gift macht. Schadstoffe müssen sich also erst in einer gewissen Menge anhäufen, um gefährlich zu werden. Doch der menschliche Körper ist keine Lagerhalle, die irgendwann überfüllt ist. Er ist ein lebendiger Organismus, in dem täglich hunderte Auf- und Abbauprozesse stattfinden.

 

Fakt ist: schadhafte Stoffe und Zellabfall werden täglich hundertfach in unserem Körper unschädlich gemacht, gebunden und ausgeschieden.

 

Die beteiligten Organe (Leber, Nieren, Verdauungstrakt, Haut, Lymphe, Lunge und Galle) arbeiten dabei als Teamplayer zusammen, machen eingedrungene Schadstoffe chemisch komplett unschädlich und leiten sie aus dem Körper aus. Es gibt also einen vollständigen, effektiven Entgiftungs-Mechanismus im Körper.

 

Stoffe, die in sehr hohen Dosen schädlich werden können (z.B. Abgase, Alkohol, Teer aus Zigaretten, Metalle, Medikamentenrückstände), können sich nur ansammeln

  • wenn eines oder mehrere Organe erkrankt sind und ihrer Funktion nicht nachkommen können oder
  • wenn die zugeführte Dosis dauerhaft höher ist als die Ausscheidungskapazität

 

Dabei muss man akute Vergiftungen durch eine Überdosierung (Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch) von schleichenden Vergiftungen, welche den Organen langsam Schäden zufügen (wie Zigaretteninhaltsstoffe für die Lunge oder Gluten für den Darm) und sie dauerhaft schwächen kann, unterscheiden. Bei akute Vergiftungen findet man sich ziemlich zügig im Krankenhaus wieder. Schleichende Vergiftungen machen sich eher symptomatisch bemerkbar (Husten, Verdauungsprobleme oder -schmerzen).

Wie funktioniert Entgiftung?

Das zentrale Entgiftungsorgan ist die Leber. Sie entgiftet körpereigenen Zellabfall sowie Fremdstoffe und metabolisiert Hormone und Makronährstoffe. Die Leber entgiftet in zwei Phasen und braucht dafür gewisse Nährstoffe (mehr dazu in Teil 2).

 

Das Ausleiten übernimmt der Darmtrakt. Erst wenn der Darm der Ausscheidungsfunktion überfordert ist, z.B. weil er gereizt oder beschädigt ist, wird er von anderen Organe unterstützt (sekundäre Eliminierungsorgane). Das ist im besten Falle die Haut und im schlechtesten Falle die Niere (deshalb bekommen manche  von Milchprodukten oder Chips schlechte Haut)

 

Ein gesunder Darmtrakt und eine gesunde Leber sind die Basis jeden intelligenten Detox-Ansatzes. 

 

Die logische Schlussfolgerung ist, dass Entgiftungsmaßnahmen zwei Komponenten beinhalten:

 

  1. Entlasten: die Schadstoff-Aufnahme minimieren
  2. Unterstützen: dem Organismus alle nötigen Nährstoffe zuführen

Was bringen die populärsten Detox-Ansätze?

#1 "Detox"-Produkte

Wie eben erläutert wurde, ist Entgiftung ein komplexer Vorgang unseres Organismus. Sinnvolle Detox-Maßnahmen sollten die beiden Komponenten Entlastung und Versorgung beinhalten, damit. Einzelne Produkte mit einer einzigen Wirkung allein beinhalten nur den zweiten Aspekt und sind isoliert betrachtet deshalb wenig hilfreich.

 

Die meisten als "Detox"-Produkte verkaufen Artikel enthalten nicht mal einen richtigen Wirkstoff. Kein Wunder: der Begriff „Detox“ ist für Produkte in Deutschland nicht geschützt. Es existiert keine einheitliche Definition - weder für "Schlacken" noch für einen entgiftenden  Wirkstoff. So kann der Begriff „Detox“ von jedem Hersteller für jedes Produkt verwendet werden, auch wenn es sich um so profane Dinge wie Bürsten oder Tee trinken handelt.

 

Einer Untersuchung aus dem Jahre 2009 zufolge konnten die Hersteller gängiger Detox-Produkte nicht erklären, was ihre Produkte eigentlich bewirken sollen. Keine der 15 befragten Firmen war in der Lage, Belege für die Wirksamkeit oder die Sicherheit ihrer Produkte vorzulegen[1]

#2 Heilfasten

Heilfastenkuren beinhalten eine (zeitlich limitierte) Umstellung des Lebensstils. Die Nahrungsaufnahme wird eingestellt, die Flüssigkeitszufuhr massiv erhöht und der Organismus durch Stressreduzierung (viel Schlaf, Yoga, Waldspaziergänge) entlastet. 

 

Diese Kuren haben zweifelsfrei gesundheitliche Vorteile für Körper und Psyche und dadurch auch eine Berechtigung.  Sie helfen, Stress abzubauen, entlasten durch Verzicht auf feste Nahrung den Verdauungstrakt und befeuern die körpereigene Zell-Erneuerung (Autophagie).

 

Fasten bietet also die erste Komponente: Entlasten. Was jedoch außen vor bleibt: die Versorgung der Organe mit essenziellen Nährstoffen, in den meisten Fällen Fette und Proteine. Der Körper kann in einer Fastenphase biochemisch betrachtet in einer Nährstoffmangel-Situation kommen, was die Entgiftungsarbeit beeinträchtigen kann.

... und was ist mit Fettabbau?

Entgiften wird gerne im Zusammenhang mit Gewichtsverlust gesetzt. Ja, beim Fasten kann man Gewicht verlieren. Doch wie in anderen Beiträgen erläutert, ist Gewichtsverlust nicht dasselbe wie Körperfettabbau.

 

Fasten bringt ganz klare gesundheitliche Vorteile. Was es jedoch nicht tut, ist den Stoffwechsel zu beschleunigen. Eine Fastenkur ist keine nachhaltige Strategie, um "mal eben zu entgiften und dabei ein paar Kilos loszuwerden".

 

 

Mit tagelangen Hungerkuren erreicht man das Gegenteil dessen, was häufig von Anbietern suggeriert wird: der Stoffwechsel verlangsamt sich!

 

Warum? Der Stoffwechsel ist die Gesamtheit der stoffwechselnden Organe im Körper, also alle Vorgänge, die aus Nährstoffen durch chemische Umwandlung Hormone, Enzyme, Körpergewebe, Immunzellen oder Energie herstellen.

 

Frage: wenn im Fastenzustand weniger Nährstoffe vorhanden sind, wie soll dann mehr chemische Umwandlung stattfinden?

 

Sämtliche metabolen Prozesse laufen träger ab als unter einer ausreichenden Nährstoffzufuhr. Untersuchungen zeigen ganz klar, dass die metabolische Rate in einer Fastenkur abnimmt (wie Fasten anzuwenden ist, um den Stoffwechsel anzukurbeln, erfährst Du hier).

 

Sowohl Fettabbau als auch Entgiftung sind langfristig zu betrachten und sollten eher als Lebensstil denn als Kur praktiziert werden. Was bringen zwei Wochen Fasten im Jahr für Gesundheit und Gewichtsmanagement, wenn der Organismus die restlichen 50 Wochen des Jahres unter einer schlechten Ernährung, Stress und permanentem Bewegungsmangel leidet? 

Fazit

Den effektiven Abbau belastender Substanzen im Organismus erledigen unsere Entgiftungsorganen Leber und Darm effizient und vollständig, und zwar rund um die Uhr. Erst eine Überbelastung mit bestimmten Schadstoffen oder ein Organschaden können dazu führen, dass die Organe mit ihrer Entgiftungsarbeit überfordert sind.

 

Wirkungsvolle Entgiftungsmaßnahmen beinhalten zwei Komponenten: 

 

  1. Entlasten: die Schadstoff-Aufnahme minimieren
  2. Unterstützen: dem Organismus alle nötigen Nährstoffe zuführen

Diese Faktoren stellen die Basis für jeden sinnvollen Detox-Ansatz dar. Jede "Detox-Kur", die nur auf eine der Komponenten setzt (isolierte Einnahme von Detox-Supplements, temporärer Verzicht auf gewisse belastende Substanzen) ist einseitig und deshalb wirkungslos.  Wie eine sinnvolle und wirksame Entgiftungskur aufgebaut werden sollte, erfährst Du in TEIl 2.

 

 

 

©Ayeshe Nawal Hercules I Personal Training & Ernährungsberatung Darmstadt

 Textquellen und Fußnoten


[1] Voice of Young Science (2009): The Detox Dossier

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Gift

[4] sciencebasedexamine.com, examine.com, 24.07.2018

[5] Enders, Giulia (2018)7: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Berlin.    


Bildquellen im Text "Das Detox-Paradox": Mann im Schwimmbecken: Jakob Owens-696095 @unsplash, , Pillen in Schale: The Tonik 5Lbyao5bzbc@unsplash, Frau sitzt in der Natur: Artem Kovalev fk3XUcfTAvk@unsplash, Menschen stoßen mit Saftgläsern an: Maid Milinkic yoLmC2t6y3s@unsplash, Flammen in der Dunkelheit: Tao Wen 1SrYeRojDuE@unplash