· 

Was intuitiv Essen mit Intelligenz zu tun hat

Viele Menschen sehen Lebensmittel als reine Energielieferanten. Sogenannte „Foodies“ feiern ihren Organismus als „einen heiligen Tempel“, der nur das Beste vom Besten verdient hat. Wiederum Andere denken überhaupt nicht über ihre Mahlzeiten nach und machen einfach intuitiv alles richtig. Ist es möglich, „intuitiv“ schlank und gesund alt zu werden? Und ist intuitiv essen lernbar?

 

Zahlen, Daten, Fakten

Ernährung ist Information für Deinen Körper.  Je nach Situation, Zeitpunkt oder Nährstoff reagiert er anders. So war es immer und so wird es immer sein. Trotzdem ist der Umgang mit Essen heutzutage verschieden und beinahe eine Glaubensfrage.

 

Betrachtet man die Fitnesswelt mit ihren Social Media - Influencern, ist die quantitative Beschäftigung mit dem Essen allgegenwärtig. 

 

Da werden Lebensmittel nach Nährstoffgehalt eingekauft und für den nächsten Tag vorbereitet, da werden Kalorien und Makronährstoffe kalkuliert, Schritte gezählt und Mahlzeiten abgewogen. Jeder scheint zu wissen, welche Makronährstoffe und Kalorien für die eigene Figur und die Gesundheit optimal sind.

 

Ist es nötig, all diese Dinge zu wissen und zu tun, um schlank, gesund und „fit“ zu bleiben? Es erscheint zumindest umständlich, den ganzen Tag mit der Küchenwaage und der Kalorientracker unterwegs zu sein...

 

Intuitiv essen

Die „Gegen“- Bewegung zur Zahlen-Daten-Abwiegen-Fraktion sind die „Intuitiven Esser“. Intuitive Esser lehnen jegliche Kontrolle der Ernährung als genussfeindlich, unpraktisch oder unnatürlich ab und setzen stattdessen auf den gesunden Menschenverstand und das eigene Bauchgefühl, um die richtigen Lebensmittel in der passenden Menge zu wählen.

 

Nicht selten hilft ihnen ein Ernährungskonzept als Entscheidungskriterium bei der Lebensmittelauswahl wie z.B. Veganismus, die Paleo-Ernährung, Low Carb oder Clean Eating.

 

Ein gutes „Gefühl“ für das richtige Essen und die passenden Mengen zu haben, sich keine Gedanken um Nährstoffdichte und Absorptionsgeschwindigkeit einer Mahlzeit machen zu müssen und damit die Figur und Gesundheit erhalten zu können, klingt natürlich äußerst erstrebenswert.

 

Ist es möglich, „intuitiv“ schlank und gesund alt zu werden?

 

Rein statistisch können es die meisten nicht. Heutzutage ist es eher „normal“, jedes Lebens-Jahrzehnt im Schnitt 3-5 kg mehr auf den Rippen zu tragen und in der zweiten Lebenshälfte metabole Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes zu entwickeln.

 

Ob man sein Essen sorgfältig zusammenstellen sollte oder ob man fähig ist, sich mit gutem Appetit ins nächstbeste Restaurant zu setzen ohne im Fresskoma zu landen, lässt sich auf eine Frage reduzieren:

 

Wie steht es um Deine somatische Intelligenz?

Deine somatische Intelligenz

Deine somatische Intelligenz steht für die Fähigkeit Deines Organismus, über Signale der Bekömmlichkeit, also Lust und Aversion gegen bestimmte Lebensmittel anzuzeigen, welches (Ess-)Verhalten gerade förderlich oder schädlich sein könnte. Deine somatische Intelligenz soll Deinen Organismus so steuern, dass alle nötigen Nährstoffe in optimalem Verhältnis vorhanden sind, damit Organe und Funktionssysteme miteinander harmonieren. 

 

Kinder haben von Natur aus eine ausgeprägte, somatische Intelligenz und wissen, was gut für sie ist. Allerdings ist es heutzutage schwer, sie im Laufe des Lebens beizubehalten: die Nahrungsmittelqualität hat rapide abgenommen. Ernährungsforscher geben an, dass es 72% der täglichen Ernährung bis vor sehr kurzer Zeit in der menschlichen Entwicklung gar nicht gegeben hat. Neuartige, industriell verarbeitete Nahrungsmittel oder Züchtungen, die das Gemüse immer nährstoffärmer machen, bescheren uns Zivilisationskrankheiten.

 

Solche Entwicklungen sind u.a. sicher wesentlich daran beteiligt, dass die somatische Intelligenz und damit den Appetit auf natürliche Lebensmittel ausstirbt.

 

Grundsätzlich teilt uns der Körper immer mit, was er gerade möchte oder dringend braucht oder eben auch gar nicht. Falls Du den Verdacht hast, dass die Kommunikation zwischen Dir uns Deinem Körper verbesserungswürdig ist, was Ernährung angeht, ist der nächste Abschnitt vielleicht interessant.

 

So verbesserst Du Deine somatische Intelligenz:

#1 Optimiere Dein Blutzuckermanagement

Okay, das ist jetzt wahrscheinlich keine Überraschung. Starke Blutzuckerschwankungen sind ungesund und führen im Regelfall zu schlechteren Entscheidungen, was Mahlzeiten angeht. 

 

Sinkt der Blutzucker stark ab, folgt Heißhunger. 

 

In einer solchen Situation verlangt das Gehirn nach schnell verfügbare Energie in Form kurzkettiger Kohlehydrate bzw. Zucker. Es ist sehr herausfordernd, Appetit auf gesunde Lebensmittel zu entwickeln, wenn der Blutzucker nicht stabil ist.

 

Allerdings sind nicht nur Lebensmittel ausschlaggebend für Blutzuckermanagement. Auch das Stresshormon Cortisol kann den Blutzucker auf Achterbahnfahrt schicken. Was der Körper als Stress empfindet, kann psychische, aber auch physische Ursachen haben. Die Angst vor der Präsentation zum nächsten Meeting gehört genauso dazu wie das ausgefallene Frühstück, weil man mal wieder einem Trend gefolgt ist (wie war das nochmal mit intermittierendem Fasten?).

 

Fest steht: Dein Stressmanagement korreliert direkt mit deinem Blutzuckermanagement.

 

 

#2 Optimiere Deine Nährstoffversorgung

Du hast sicher schon davon gehört, dass der Körper nach Lebensmitteln verlangt, in denen ein bestimmter (Nähr)Stoff vorkommt, um einen vorliegenden, stofflichen Mangel auszugleichen.

  

Klassiker sind die Lust auf Schokolade bei Magnesiummangel, die Tasse Kaffee bei zu niedrigem Cortisolspiegel oder das Verlangen nach salzigen Lebensmitteln bei Stress. 

 

Das kann er, weil im Verdauungstrakt Chemo- und Mechanorezeptoren sind, die dem Körper Signale geben. Während die Mechanorezeptoren auf die Ausdehnung des Magens reagieren, erfassen die Chemorezeptoren den Nährstoffgehalt der Nahrung.

 

Die Information der Rezeptoren trägt dazu bei, ob wir uns satt und zufrieden fühlen, über das Völlegefühl hinaus weiter essen oder noch Appetit haben.

 

Doch nur, weil der (Nähr-)Stoff in dem Lebensmittel vorkommt, heißt das nicht, dass dieses Lebensmittel die beste Quelle dafür ist. Grüne Gemüsesorten oder Tier-Innereien enthalten auch Magnesium. Doch wie oft bekommst Du Heißhunger auf Grünkohl mit Kalbsniere?

 

Zur somatischen Intelligenz gehört deshalb auch, und er Lage zu sein, Appetit auf richtige Lebensmittel zu haben. Mehr dazu unter #3.

 

Wer unverarbeitete Lebensmittel zum Hauptbestandteil seiner Ernährung macht, wird den Anteil an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen drastisch verbessern.

#3 Verlerne Deine Konditionierung

Konditionierung ist generell ein Lernprozess. Appetit kann man also lernen, ver-lernen und um-lernen. Das erlernte Verhalten wird dabei verstärkt, wenn wir das Reiz-Reaktions-Muster ständig wiederholen.

 

Du kennst das Spiel: es gibt einen bestimmten Trigger, der Dich dazu bringt, eine bestimmte Handlung auszuführen, was wiederrum zu einem Belohnungsgefühl führt, was Dich beim nächsten Trigger genauso handeln lässt.

 

Wenn Du beispielsweise häufig (aus Notwendigkeit oder Bequemlichkeit) Fast Food oder Süßspeisen konsumiert und ein intensives Belohnungsgefühl mittels Dopamin verspürt hast, hast Du Dich damit selbst konditioniert.

 

Gerade wenn eine Speise besonders fettig, salzig oder süß war (Fast Food, Schokolade und Salamibrötchen), schüttet das Gehirn übrigens viel Dopamin aus.

 

Und das Verlangen nach dem nächsten Dopaminausstoß verstärkt die Lust auf ebendiese Speisen. Aus dieser Spirale gelangt man nur durch konsequenten Verzicht und die Wiederholung eines neuen Reiz-Reaktionsmusters.

 

Viele Menschen stellen nach einer anfänglich schwierig durchzuhaltenden Ernährungsumstellung auf unverarbeitete Lebensmittel fest, dass der Appetit auf Fast Food nach einigen Tagen bis Wochen ganz von allein verschwindet - und fühlen sich wie befreit.

Get the best of both worlds?

Meine fachliche Meinung ist, dass jeder sich zu einem Zeitpunkt im Leben mal mit seiner Energieaufnahme und mit seiner Nährstoffversorgung auseinander gesetzt haben sollte. Und am besten lange bevor der Arzt es einem vorschlägt.

 

Das Zählen von Kalorien ist durch technischen Fortschritt mittlerweile ein Aufwand von 3 Minuten täglich. Es ermöglicht ein Verständnis für die Energiedichte von Lebensmitteln und passende Mahlzeitengrößen für den eigenen Lebensstil. Es macht das Erreichen gesundheitlicher, sportlicher oder gewichtsbezogener Ziele einfach und planbar.

 

Es mag zunächst gewöhnungsbedürftig scheinen, schärft aber die Selbstwahrnehmung und ist häufig ein augenöffnender Prozess für diejenigen, die schon länger verzweifelt versuchen, Gewicht zu verlieren oder zuzunehmen.

 

Sobald man einen Überblick über sein Essverhalten und die Energie- und Nährstoffbilanz bekommen hat, die Geschmacksrezeptoren und Belohnungsgefühle einem "Reset" unterzogen wurden und man sich von Blutzuckerschankungen und Heißhunger befreit hat, kann man diese neu gewonnenen Erkenntnisse nutzen, um zum intuitiven Essen zurück zu kehren und die Lebensmittelwaage zu verabschieden.

Fazit

Ob man mit der täglichen Kalkulation seine Energiebilanz im Auge behält oder auf sein Bauchgefühl vertraut, ist Geschmackssache (unbeabsichtigtes Wortspiel). Kalorien zählen hat Vor- und Nachteile. Intuitiv essen hat Vor- und Nachteile.


Die Mahlzeiten zu wiegen und zu kalkulieren ist natürlich aufwändiger, als auf seinen Bauch zu hören. Andererseits macht es das Erreichen gesundheitlicher, sportlicher oder gewichtsbezogener Ziele einfach und planbar und schärft die Selbstwahrnehmung. Intuitives Essen klingt gesünder und ist weniger aufwändig. Doch:

 

Du kannst nur intuitiv essen, wenn Du intuitiv essen KANNST.

 

Sprich, wenn Dein Körper die richtigen Signale sendet und Du auch in der Lage bist, die Signale zu deuten und dementsprechend zu handeln. Diese Fähigkeit wird auch als somatische Intelligenz bezeichnet. Hat man sich durch ungünstiges Essverhalten, schlechtes Stressmanagement oder schlechte Lebensmittelauswahl seine somatische Intelligenz "abtrainiert", wird es höchstwahrscheinlich schwer, Appetit auf Lebensmittel zu entwickelnde gesund halten

Deine somatische Intelligenz kannst Du verbessern, indem ...

  • Du ein Blutzucker- und Stressmanagement optimierst
  • Du Deine Nährstoffenversorgung optimierst
  • Du auf Deine Hunger- und Sättigungssignale hörst (hormonelle Balance bzw. Signaldeutung der Chemo- und Mechanorezeptoren im Magen)

 

 

 

©Ayeshe Nawal Hercules I Personal Training & Ernährungsberatung Darmstadt


Bildquellen im Artikel "Was intuitiv Essen mit Intelligenz zu tun hat": Mann  mit Essen in der Hand: Mike Von @Unsplash, Frau beim Essen:  Pablo Merchán Montes @Unsplash, Kaffee und Kuchen: XVIIIZZ @Unsplash, Gemüseteller:  Katharos @Pixabay, Frau wirft Schokolade: Tamas Pap @Unsplash