• Ayeshe Hercules

Gene, Ernährung und Körperfett

Aktualisiert: Jan 25


Wer häufig am Projekt Körperfettabbau scheitert und in der Jojo-Falle landet, schiebt nicht selten frustriert die Schuld auf die Gene. Dieser Gedanke ist nachvollziehbar. Wenn trotz größter Anstrengung die Kilos immer wieder zurückkehren, kann man schnell auf die Idee kommen, dass es ein genetisch festgelegtes, vom Organismus bevorzugtes Körpergewicht gibt (sog. Set Point), den man nicht gezielt verändern kann.

Wenn alle in der Familie bereits einen Hang zur vollschlanken bis übergewichtigen Figur hatten, dann müssen die Fettpölsterchen wohl Schicksal sein?

Das Konzept Set Point ist nicht irrelevant, wird aber nicht hauptsächlich von den Genen bestimmt und soll an anderer Stelle Thema sein.


Was genau haben also die Gene mit dem Gewicht zu tun - und was nicht?

Wie Gene funktionieren


Gene können alleine erstmal gar nichts. Sie enthalten zwar relevante Informationen über unser Aussehen, unsere Gesundheit, unseren Charakter und unsere Vorlieben, aber diese Informationen müssen gelesen werden.



Man kann sich Gene deshalb vielmehr vorstellen wie ein altes Archiv mit Bauplänen:


wenn niemand reingeht, einen Bauplan herausholt und etwas nach diesem Bauplan erbaut, dann passiert auch nichts.


Für das (Ab-)Lesen der Gene sind spezialisierte Enzyme und Proteine in der Zelle nötig (HINWEIS: Proteine und Enzyme kann man essen).

Weil Zellen sparsam haushalten müssen, lesen sie nur diejenigen Gene ab, die gerade benötigt werden. Die übrigen werden chemisch markiert und dadurch gezielt stillgelegt. Hochkomplexe, ausgeklügelte Regulationsmechanismen der Zelle stellen sicher, dass nicht alle Informationen vom genetischen Code gleichzeitig gelesen werden. Biologen bezeichnen dies als epigenetische Genregulation.

Gene reagieren auf die Umwelt


Unsere Gene bilden also eine gewisse Grundsituation, eine Art Bibliothek von Programmen. Wie sich diese Grundsituation ausprägt, hängt vom Lebensstil ab. Die Zusammenhänge zwischen Lebensstil und Genexpression untersucht die Epigenetik.


Die Epigenetik zeigt, dass die Gene auf Umweltreize reagieren. Seither ist bekannt: unsere genetische Ausprägung wird beeinflusst durch


  1. die Nährstoffe, die wir aufnehmen

  2. Gefühle wie Stresserleben und Entspannung

  3. Umwelteinflüsse wie Strahlung, Schwermetalle und andere Schadstoffe


Wir sind nicht die Marionetten unserer Gene. Sondern unser Lebensstil entscheidet darüber, wie Gene sich ausprägen bzw. wie ihre Codierung umgesetzt wird.


Das belegen Zwillingsstudien und Studien, die Familien über Generationen hinweg begleiten:


Ursprünglich gleiche oder ähnliche Gene können entsprechend der Reize aus der Umwelt umcodiert werden. Es ist also gar nicht so wichtig, welche Gene wir geerbt haben, sondern welche Gene durch den Lebensstil an- oder abgeschaltet sind.

Das bedeutet:


Jeder Mensch wird mit einer bestimmten genetischen Ausstattung geboren. Ab dem Zeitpunkt unser Geburt entscheidet der Lebenswandel, wie gesund wir bleiben und wie dick wir werden.

Wie beeinflussen sich Gene und Ernährung?


Den besonderen Zusammenhang zwischen Ernährung und den Genen untersuchen die beiden wissenschaftlichen Bereiche Nutrigenomik und die Nutrigenetik.


  • Nutrigenomik untersucht, wie Ernährung die Gene verändert

  • Nutrigenetik untersucht den Einfluss der Gene auf die Nahrungsauswahl


Jeder kennt Beispiel des erwachsene Asiaten, der keine Milch und Milchprodukte verträgt, der Europäer aber schon.

Gene können also festlegen, wie gut wir Nährstoffe "vertragen" und welche Mengen wir von einem Nährstoff vertragen.


Und Gene beeinflussen, welche Bedarf wir von bestimmten Nährstoffe haben, um gesund zu bleiben.


Wer ein gutes Körpergefühl hat, kann von allein auf diese Nährstoffbedarf reagieren.


Der Körper teilt einen ggf. vorliegende Nährstoffmängel über den Appetit mit.


Jemand, der genetisch betrachtet ein bißchen mehr Vitamin A braucht als der Durchschnitt, wird von alleine häufiger zur Leberwurst greifen oder eine Vorliebe für farbiges Gemüse haben. Jemand, der mehr oder weniger Omega 3 braucht, wird entsprechend mehr oder weniger Appetit auf Fisch haben.


Die Vielfalt unserer Gene und deren Kombinationsmöglichkeiten bedingt, dass es keine „One-Fits-All-Diät“ für alle Menschen gibt. Wir haben ca. 25.000 Gene, mit je unterschiedlichen Varianten.


In der Praxis zeigt sich diese biochemische Individualität, dass Person A mit einer bestimmten Ernährung Körperfett verliert, Person B jedoch nicht.


Das ist der Grund, warum bei populäre Methoden wie Intermittent Fasting für einige sehr gut zum Abnehmen funktioniert, bei anderen jedoch Gegenteil auslöst und zu Energieverlust oder sogar zu schlechten Blutfettwerten führen kann.

Was ist mit Gen-Tests?


Bei 25.000 Gene mit mehreren Varianten bewegen sich Gen-Tests, die aktuell angeboten werden, um die eigene Ernährung auf die gentischen Bedürfnisse anzupassen, auf sehr dünnem Eis.


Auch wenn alle Gene bekannt sind und die Ernährungswissenschaft fortgeschritten ist, ist gerade die Wechselwirkungen von Genen und Ernährung noch längst nicht ausreichend erforscht.


Genauso wenig, wir wir alles über die Interaktion von Vitaminen im Körper wissen, wissen wir, wie Nährstoffe sich im Detail auf die Genexpression auswirken. Bekannt ist, dass sie eine Auswirkung haben.


Wissenschaftler leiten bislang ausdrücklich noch kein wissenschaftlichen Rat für individuelle Ernährungsempfehlungen aus den bisherigen Erkenntnissen ab.

Genetische Krankheiten und Ernährung


Ein Gen kommt nur zum Ausdruck, wenn es durch den Lebensstil aktiv "angeschaltet" bzw. aktiviert wird. Das gilt für Körperfett genauso wie für genetisch bedingte Krankheiten. Hat jemand eine genetisch bedingt erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Krankheit zu entwickeln z.B. Alzheimer oder Arthrose, dann ist das ebenfalls eine Wahrscheinlichkeit, aber kein unabänderliches Schicksal.


Denn Gen-Krankheitsinteraktionen sind Korrelationen und keine Kausalität.


Wer ein Risikogen trägt, aber einen gesunden und nachhaltigen Lifestyle pflegt, dann muss die genetische Prädispositionen nicht zum Tragen kommen.


Populär geworden ist diese Tatsache anhand des APOE4 Genotyps, auch "Anti-Kokos-fett-Gen" genannt. Der sog. APOE4 Genotyp bringt ein bis zu 30-fach erhöhtes Risiko mit sich, an Alzheimer zu erkranken, als auch ein erhöhtes Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) zu erleiden. Der APOE4 Genotyp-Träger sollten (unter anderem) unbedingt auf den Konsum von gesättigten Fetten verzichten, wie z.B. das populäre Kokosfett, da sie das Gen aktivieren können.


Es gibt in der Realtität etliche APOE4 Typen, die gesund sind bzw. die Krankheit nicht entwickeln.


Als wichtige Faktoren gelten dabei Sport zu treiben, gesättigte Fette zu meiden und nicht zu rauchen.


Fazit


Gene geben eine Richtung vor, sind jedoch kein Schicksal. Sie enthalten Informationen. Ob und wie diese Informationen abgelesen werden, hängt von verschiedenen Umwelteinflüssen ab wie Ernährung, Umweltgifte, Schadstoffe, Sonnenlicht, Schlafqualität und Medikamente.


Letztendlich ist es also der Lebensstil, der darüber entscheidet, welche genetischen Informationen wie zur Ausprägung kommen. Nährstoffe und Gene haben eine komplexe Wechselwirkung, die noch nicht in Gänze erforscht ist. Die Wissenschaft der Epigenetik zeigt allerdings, dass weder Übergewicht noch Krankheiten genetisches Schicksal sind, sondern zum Großteil in der eigenen Verantwortung liegen.

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